"Independence Day" mit einigen Elementen aus "Krieg der Welten" gewürzt. So in etwa könnte man das Spiel "Target Earth" kurz beschreiben. Aliens greifen die Erde an und erobern ein Land nach dem anderen. Wir verkörpern die Allianz der Menschen und versuchen, die Aliens zurückzudrängen. Dazu müssen wir Forschung betreiben, aufrüsten, Gebäude errichten, Einheiten rekrutieren, Panzer, Schuttles, Helikopter, Kampfjets u.ä. beschaffen, Kämpfe gegen die Aliens bestehen und auf diplomatischen Wege die neutralen Staaten versuchen, auf die Seite der Menschenallianz zu ziehen. Haben wir nach 7 Spielrunden (also 7 Jahren) mehr Siegpunkte als die Aliens oder haben wir die Alientechnologie im 4. Level erforscht und verstanden, dann haben wir gewonnen. Vorzeitig als Sieger vom Platz geht die Allianz, wenn sie 50 Siegpunkte erringt.
Ein hochinteressantes Thema (wenn auch nicht all zu neu) und einige wirklich interessante Mechanismen... eigentlich sind alle Voraussetzungen für ein tolles Spiel gegeben. Eigentlich... Das Spiel ist nicht schlecht, keine Frage. Und ich bereue auch die Anschaffung in keinster Weise. Dennoch gibt es einige Kritikpunkte, auf die ich später noch genauer eingehen werde.
Wir haben es hier mit einem kooperativen Spiel zu tun. Alle Mitspieler arbeiten gemeinsam und in Absprache an dem gemeinsamen Ziel; nämlich die Alliens von der Erde zu prügeln. Jeder Mitspieler erhält seine eigene Basis, auf der er Gebäude errichten kann und seine Ressourcen verwaltet. Um Gebäude (Lagerhallen, Hangars, Radarmodule, Labore) errichten und um aufrüsten zu können, braucht die Allianz Geld. Das erhält sie von dem Nationaleinkommen der Staaten, die sich der Allianz angeschlossen haben. Um an höhere Einkommen zu gelangen (und um Siegpunkte zu bekommen) müssen also die bisher noch neutralen Staaten auf die Seite der Allianz gezogen werden. Dies geschieht mit Diplomatie. Um UFO-Angriffe der Aliens abzuwehren, muss gekämpft werden. Dafür werden Kampfjets und später auch Bodentruppen benötigt. Durch Kämpfe wird verhindert, dass neutrale Staaten in den Einflussbereich der Aliens gelangen und somit den Aliens Siegpunkte bescheren.
Das Kampfsystem ist recht simpel (Hardcore-Cosim-Spieler werden sogar verächtlich die Nase rümpfen). Im Prinzip wird sowohl für die Allianz als auch für die Aliens jeweils die Truppenstärke und somit die Anzahl der zu werfenden Würfel ermittelt, dann wird gewürfelt. Fünfen und Sechsen gelten als Treffer. Wer die meisten Treffer erzielt hat, gewinnt. Das war schon alles.
Überhaupt Würfel: Vieles (vielleicht sogar zu vieles) wird ausgewürfelt. Alle Kämpfe, aber auch die Diplomatie (hier muss der Diplomatiewert des neutralen Staates durch Würfelpunkte erreicht werden). Zwar kann man das Würfelglück ein wenig beeinflussen, indem man durch bestimmte Bedingungen über mehr Würfel verfügt und somit die Warscheinlichkeit, Treffer zu erzielen, erhöht. Dennoch hat mal leider zu oft das Gefühl, den Würfeln ausgeliefert zu sein. Manchmal hilft die beste Strategie nichts, wenn das Würfelpech an einem klebt.
Material:
Das Material ist für einen Kleinstverlag völlig okay. Mehr aber auch nicht. So richtige Atmosphäre will bei dem recht funktional gehaltenen Material einfach nicht aufkommen. Viele Pappcounter, düstere und abstrakte Spielpläne, einige Spielkarten; alles wie gesagt sehr funktional. Und es funktioniert auch recht gut, aber es wirkt alles recht abstrakt und mechanisch. Negativ aufgestoßen ist mir, dass bei der Masse an unterschiedlichen Countern kein sinnvolles Sortiersystem vorhanden ist. So muss man sich selber mit Counterboxen und Zippertüten behelfen. Da man für bestimmte Phasen des Spiels auch spezielle Spielmaker-Pools zusammenstellen muss (etwa ein Makerpool für die Angriffsziele der Aliens), benötigt man auch hierfür noch ein spezielles Gefäß oder noch besser einen undurchsichtigen Beutel. Hier hätte ich mir mehr Service durch den Verlag gewünscht. Aber gut, als Vielspieler verfügt man ja über ausreichend Hilfsmittel. Die Counter selber sind sehr stabil und von guter Qualität wie überhaupt das ganze Spielmaterial. Und es ist durchaus sehr umfangreich. Also das Preis-Leistungs-Verhältnis ist zumindest, was das Material angeht, durchaus stimmig.
Spielregel:
Die Spielregel lässt leider doch zu wünschen übrig. Zwar gibt es viele Beispiele und im Grunde genommen wird auch alles (wenn auch nicht immer ganz klar) erklärt. Bestimmte Regelfragen bleiben aber offen und erklären sich erst nach mehrmaligem Spielen (Aha-Effekte). So bleibt z.B. bei mir bis heute offen, wie die Solo-Variante zu spielen ist. Wenn ich es recht verstehe, kann man sich aussuchen, ob man mit zwei, drei oder vier Basen spielt. Mit einer Basis und dem kompletten Anfangskapital von 48 Geldeinheiten auf einer Basis geht wohl nicht. Oder doch? So ganz klar ist es nicht. Mit einer Basis scheint das Solospiel nicht zu funktionieren (aber wer weiß). Und so geht das leider mit so einigen anderen Regeln auch. Hier hilft nur: probieren und durch Aha-Effekte lernen. Das sollte eigentlich nicht Sinn und Zweck einer Spielregel sein. Hab auch im Internet noch keine FAQ´s entdeckt.
Fazit:
Interessantes, aber nicht neues Thema. Durchaus interessantes und spannendes Spiel. Teilweise aber nicht ausbalanciert. Die Siegbedingung "Alientechnologie" zum Beispiel ist so schwer zu schaffen, dass man davon als geübter Spieler schnell die Finger lässt und sofort auf Siegpunktejagd geht. Das heißt, man fängt sofort an, Länder auf die Allianzseite rüberzuziehen und rüstet auf auf Teufel komm raus, um möglichst viele Punkte zu scheffeln. Das Forschen und mühevolle und sehr ressourcenfressende Laborbauen lässt man sein. Damit gehen aber auch Spielkomponenten verloren. Auch halte ich es für recht sinnlos, auf bestimmte Waffengattungen (z.B. Panzer) zu setzen, da diese für ihren Preis einfach zu schwach sind bzw. das Preis-Leistungs-Verhältnis ggü. anderen Waffengattungen nicht stimmig ist.
Auch ist das Spiel etwas zu glückslastig. Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich nichts gegen (moderate) Glückskomponenten in einem Spiel habe. Sie bringen Abwechslung und gewisse Unabwägbarkeiten und Unvorhergesehenes ins Spiel und machen somit ein Spiel durchaus spannender und nicht zu durchdacht mechanisch. Hier bei "Target Earth" sind mir die Glückselemente aber ein wenig zu viel des Guten. Es ist keineswegs so, dass man komplett vom Spiel gespielt wird. Aber ein wenig fühlt man sich den Würfeln schon ausgesetzt, weil wirklich alles relevante im Spiel ausgewürfelt wird. Nebenbei werden auch noch die Angriffsziele ausgelost... also weniger wäre hier mehr gewesen.
Auch der Verwaltungsaufwand des Spieles ist ein wenig zu hoch. Ständig ist man irgendwas am Verwalten, muss Einkommen und Kapital anpassen, die Kampfplätze aufräumen und neu bestücken, die Unmengen an verschiedenen Counter verwalten, Siegpunktleisten neu anpassen, die "Alienwissensleiste" verwalten undsoweiter... Das hemmt ein wenig den Spielfluss.
Trotzdem ist das Spiel gar nicht so schlecht. Ich hab durchaus meinen Spaß, es bleibt immer spannend und man bastelt ständig an seinen Strategien rum. Es gibt verschiedene Schwierigkeitsgrade, wobei schon das Einsteigerlevel super schwer ist. Also, wer Lust an der Thematik und an kooperativen Spielen hat (das sogar semi-kooperativ gespielt werden kann) oder sogar (so wie ich) Spaß an Solovarianten hat, macht bei dem Spiel sicherlich nichts falsch. Falls die Möglichkeit besteht, rate ich aber erst einmal zu einem Probespiel.
Wegen meiner o.g. Kritikpunkte bekommt das Spiel von mir "nur" (immer noch recht gute) vier Punkte.
Matthias hat Target Earth klassifiziert.
(ansehen)