Ich liebe Wirtschafts- und Optimierungsspiele und somit ist es eigentlich unverzeihlich, dass mir "Die Werft" bisher durch die Lappen gegangen ist. Aber Gott sei Dank hab ich das Spiel dann doch entdeckt und bin echt begeistert!
Beim Auspacken des Spiels wird man erst einmal von einer Flut von Pappcountern erschlagen. Man fühlt sich sofort in die guten alten "Avalon-Hill"-Zeiten zurückversetzt. Da gibt es Counter für Schornsteine, Takelagen, Kräne, Schiffsschrauben, Geschütze, Soldaten, Kaufleute, Kapitäne/Offiziere, Arbeiterchips, Güterzüge, Kanäle, Aktionsplättchen fürs Rondell, Gulden als Zahlungsmittel, Regierungsaufträge (blau und grün) und jede Menge Schiffsteile (Bugs, Hecks, Mittelteile). Hinzu kommen noch Holzmaker für den Rohstoffmarkt, für den Arbeitsmarkt, für die Crew-Anwerbungen, für die Schriffsausrüstungen und für die Zeitleiste, Holzpöppel für das Aktionsrondell, Holzscheiben für die Siegpunktleiste, kleine Holzschiffe für die Kanäle als Anzeiger für die Jungferfahrten, zwei recht große Spielpläne (das ganze Material will ja auch benutzt werden) und noch die Werftpläne für jeden Spieler. Wow! Bei dieser Materialfülle geht einem doch schon mal das Herz auf.
Worum geht es bei diesem astreinem Wirtschafts- und Optimierungsspiel:
Wir betreiben eine Werft und bauen Schiffe. Dazu müssen wir uns vom Schiffsteilemarkt die Schiffsteile (Bugs, Hecks und Mittelteile) besorgen. Pro Aktion (wenn ich sie denn nutzen kann) darf ich mir aber maximal drei Schiffsteile besorgen und muss diese direkt in meiner Werft verbauen. Ein fertiges Schiff muss MINDESTENS über ein Bug, ein Heck und ein Mittelteil verfügen (es dürfen auch bis zu sieben Mittelteile sein), ehe es die Werft verlassen darf und zur Jungfernfahrt in meinen von mir angemieteten Kanalsystem antreten darf. Aber mit dem blosen Verbauen von Schiffsteilen ist es nicht getan. Das Schiff sollte sinnvoller Weise auch ausgerüstet werden. Dazu werden Schornsteine, Takelagen, Schiffsschrauben, Geschütze und Kräne benötigt. Die Schiffsteile enthalten verschiedene Aufbauten, die für die o.g. Ausrüstungen vorhanden sein müssen. Ich muss also beim Erwerb der Schiffsteile auch darauf achten, ob Aufbauten für die Schornsteine, Kräne oder Takelagen vorhanden sind (nur dann kann ich diese auch entsprechend auf die Schiffe montieren). Die Schiffsausrüstungen erhalte ich über die Aktion "Schiffsausrüstung beschaffen" oder auch über die Aktion: "Rohstoffhandel". Um aber mit Rohstoffen zu handeln, um die Ausrüstungen zu erhalten, benötige ich erst einmal Rohstoffe. Ich muss mir also mit einer weiteren Aktion erst einmal Güterzüge mit Rohstoffen besorgen.
Jedes Schiff, das die Werft verlässt, benötigt mindestens einen Kapitän, den ich anheuern muss (Aktion: Crew anheuern). Ich kann aber auch weitere Offiziere, oder Kaufleute oder auch Soldaten anheuern, da jedes Crewmitglied bei der Jungfernfahrt Punkte bringt. Aber für jedes Crewmitglied benötige ich jeweils eine Kajüte; darauf muss ich beim Schiffsteilekauf ebenfalls achten.
Rettungsboote, Rettungsringe und Schiffsbeleuchtungen sollten möglichst auch vorhanden sein; zumindest dann, wenn die Kontrollpunkte in meinen Jungfernfahrtkanälen solche Symbole aufweisen, denn dann bringen diese Ausrüstungen noch mal Extrapunkte.
Schornsteine, Takelagen und Schiffsschrauben erhöhen jeweils die Geschwindigkeit meines zu bauenden Schiffes. Dies ist wichtig, um bei der Jungfernfahrt in den Kanälen möglichst weit zu fahren und somit möglichst viele Kontrollpunkte anzufahren, denn bei jedem Kontrollpunkten kommt es zu Sonderwertungen (etwa für Geschütze und Soldaten, für Kräne und Kaufleute, für Rettungsboote, Rettungsringe oder Beleuchtungen oder für Geschwindigkeiten etc.).
Wenn mein fertig gebautes Schiff dann endlich meine Werft verlässt und zur Jungfernfahrt antritt, kommt es zur Wertung und es gibt Punkte für:
1. Geschwindigkeit
2. für Ausrüstungen, wie Takelagen und Schornsteine
3. für Kräne und Geschütze (jeweils 2 Punkte!)
4. für Crewmitglieder
Außerdem gibts dann noch die o.g. Sonderpunkte für die Jungfernfahrt. Zu beachten sind dann auch noch die Punktwertungen für die sog. "Regierungsaufträge". Jeder Spieler beginnt das Spiel mit 6 und beendet das Spiel mit 2 Regierungsaufträgen. Hier gilt es dann bei Spielende noch ordentlich Sonderpunkte abzugreifen (etwa für jedes gebaute Schiff mit mindestens zwei Schornsteinen, oder mit bestimmten Ausrüstungskombinationen etc.etc.).
Noch nicht erwähnt habe ich den Arbeitsmarkt. Hier kann ich Handwerker rekrutieren, die mir erlauben, bestimmte Schiffsausrüstungen OHNE Vorhandensein von Aufbauten auf dem Schiff zu montieren. Oder ich rekrutiere Händler, die mir Vorteile beim Rohstoffhandel bringen, oder ich rekrutiere sog. Anwerber, die mir bei bestimmten Aktionen einen Zusatzbonus bringen etc.
Wie aber komme ich nun an die Aktionen. Dazu gibt es ein besonders innovatives Rondellsystem, das genialerweise auch noch als Rundenzähler fungiert. Hier kann ich die Aktion auswählen, die gerade frei ist, also nicht von meinen Mitspielern blockiert wird und ich darf auch nicht die Aktion wählen, die ich in der vorherigen Runde genutzt habe. Also die Aktionswahl ist enorm eingeschränkt und ich muss ganz schön planen, um alle meine Vorhaben auch realisieren zu können (was aber nicht immer gelingt!).
Das Spiel ist also hochkomplex und man muss vieles beachten und im Auge behalten! Dabei sind die Spielregeln gar nicht so kompliziert und dadurch, dass jede Regel logisch eingebunden ist, kommt man recht gut mit der Regelflut zurecht. Es gibt m.E. erheblich kompliziertere und umständlichere Spielregeln. Ich teile auch die Kritik an der Spielregel nicht. Sie erklärt alles in leicht verständlicher Form (selbst der etwas komplizierte Rondellmechanismus erschließt sich einem recht schnell), enthält viele Beispiele und erklärt auch vieles über Illustrationen.
Wenn man dann das Spiesystem verinnerlicht hat, spielt sich das Spiel auch recht flüssig und flott und ein Spiel zu zweit ist dann durchaus in anderthalb sehr kurzweiligen Stunden beendet. Es macht riesigen Spaß, seine Schiffe zu konstruieren, dabei durchaus kreativ zu sein und spannend mitzufiebern, ob man es schafft, sein Schiff so auszustatten, wie man sich das vorstellt. Ein tolles Spiel und für Optimierungsfans ein Muss! Achtung: Die Interaktionen beschränken sich auf das gegenseitige Blockieren von Aktionen, die man aber nicht blockiert, um den Mitspieler zu schaden (man blockiert halt die Aktion, die man selber am nötigsten gerade benötigt). Für Interaktionsfans ist das Spiel somit definitiv nichts! Ich hingegen bin vollauf begeistert! Volle 6 Punkte!
Matthias hat Die Werft klassifiziert.
(ansehen)